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Magersucht?

  • Autorenbild: Health Care Akademie
    Health Care Akademie
  • 19. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit


Magersucht und Bindungstrauma – wenn der Körper zum sicheren Ort wird

Magersucht (Anorexia nervosa) wird häufig als Essstörung beschrieben, die sich um Kontrolle, Gewicht und Essen dreht. Aus traumasensibler Perspektive zeigt sich jedoch ein tieferer Zusammenhang: Für viele Betroffene ist Magersucht kein „Problem mit Essen“, sondern eine Überlebensstrategie im Kontext früher Bindungs- und Beziehungserfahrungen.

Was ist ein Bindungstrauma?

Bindungstrauma entsteht, wenn grundlegende emotionale Bedürfnisse eines Kindes – nach Nähe, Sicherheit, Resonanz und Verlässlichkeit – über längere Zeit nicht ausreichend beantwortet werden.Das kann passieren durch:

  • emotionale Vernachlässigung

  • unvorhersehbare oder überforderte Bezugspersonen

  • chronische Scham- oder Leistungsdynamiken

  • frühe Parentifizierung

  • subtile, aber dauerhafte emotionale Unsicherheit

Entscheidend ist dabei nicht die „Schwere“ einzelner Ereignisse, sondern die fehlende sichere Beziehung, in der Gefühle gehalten und reguliert werden konnten.

Der Körper als Ort der Kontrolle

Viele Menschen mit Bindungstrauma erleben früh, dass Beziehungen unsicher sind: Nähe ist nicht zuverlässig, Bedürfnisse sind zu viel, Emotionen stoßen auf Überforderung oder Rückzug. In diesem inneren Klima kann der eigene Körper zu dem Ort werden, an dem scheinbar etwas möglich ist, was in Beziehungen nicht gelingt: Kontrolle, Vorhersagbarkeit und Selbstwirksamkeit.

Nicht zu essen kann dann unbewusst bedeuten:

  • Ich brauche niemanden.

  • Ich kontrolliere, was mit mir passiert.

  • Ich bin stark, wenn ich nichts brauche.

Der Körper wird reguliert, weil Beziehungen nicht regulierend erlebt wurden.


Hunger als Gefühl – und als Abwehr

Aus traumasensibler Sicht ist Hunger nicht nur ein körperliches Signal, sondern auch ein emotionales. Viele Betroffene berichten, dass Hungern Gefühle dämpft:

  • Angst wird leiser

  • innere Leere wird spürbar, aber kontrollierbar

  • Sehnsucht nach Nähe wird „abgestellt“


Wenn Nähe früher mit Schmerz, Zurückweisung oder Beschämung verbunden war, kann das Abflachen von Bedürfnissen eine logische Schutzreaktion sein. Magersucht wird dann zu einer Art emotionalem Narkosemittel.


Bindung, Autonomie und das „Ich darf nicht brauchen“

Ein zentrales Thema bei Bindungstrauma ist der innere Konflikt zwischen Nähe und Autonomie.Viele Menschen mit Magersucht tragen unbewusst Glaubenssätze wie:

  • Wenn ich brauche, verliere ich mich.

  • Abhängigkeit ist gefährlich.

  • Ich bin nur wertvoll, wenn ich funktioniere.

Das Hungern kann symbolisch für radikale Autonomie stehen: ein Rückzug aus der Abhängigkeit von anderen – und letztlich auch vom eigenen Körper.


Warum reine Essenspläne oft nicht ausreichen

Solange Magersucht ausschließlich auf der Verhaltensebene behandelt wird, bleibt ihre Funktion häufig bestehen. Denn wenn das Hungern eine Beziehungsregulation ersetzt, dann entsteht ohne neue Bindungserfahrungen ein inneres Vakuum.

Traumasensible Begleitung fragt daher nicht nur:

Warum isst du nicht?

sondern vor allem:

Was hat dir das Nicht-Essen ermöglicht?Welche Beziehungserfahrung hat gefehlt – und wie kann sie heute nachreifen?

Heilung braucht Beziehung

Heilung von Magersucht im Kontext von Bindungstrauma bedeutet nicht nur Gewichtszunahme, sondern vor allem:

  • das Wiedererlernen von sicherer Nähe

  • das Ertragen von Bedürfnissen

  • das langsame Zulassen von Abhängigkeit ohne Kontrollverlust

  • das Entwickeln eines mitfühlenden inneren Dialogs

Der Körper darf Schritt für Schritt aufhören, der einzige sichere Ort zu sein – weil Beziehung Sicherheit bekommt.

Ein abschließender Gedanke

Magersucht ist kein „Wille zur Selbstzerstörung“, sondern oft ein zutiefst intelligenter Versuch, mit früher Beziehungslosigkeit umzugehen.Wenn wir sie als das verstehen, was sie ist – eine Anpassung an unsichere Bindung – öffnen sich Räume für Mitgefühl, Würde und echte Veränderung.


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